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Dr. hc. Isidor Carl Bernhard

(* 4. November 1859 Goldberg — † 1937 Philippinen)

Der spätere Bauingenieur, Baulehrer und Publizist Isidor Carl Bernhard (dann nur noch Karl Bernhard) wurde am 4. November 1859 in Goldberg als Sohn des jüdischen Kaufmanns Saul Behr Bernhard und seiner Ehefrau Julie geb. Levy geboren. Er war später eines von insgesamt acht Geschwistern.

Er nahm nach seiner Schulausbildung an der Technischen Hochschule Hannover ein Studium des Bauingenieurwesens auf. Nach bestandenem Ersten Staatsexamen arbeitete er von 1885 bis 1887 als Referendar bei der Königlichen Eisenbahndirektion in Frankfurt/Main und war als solcher am Bau des dortigen Hauptbahnhofs beteiligt. 1888 bestand er das Zweite Staatsexamen mit Auszeichnung, wurde zum Regierungsbaumeister ernannt und erhielt aufgrund seiner Leistungen ein Reisestipendium, das er für Studienfahrten nach England, Schottland, Belgien, Frankreich und Italien nutze. Danach wurde er 1889 Mitglied des Technischen Büro des Stadtbaurates James Hobrecht in Berlin, wo er auch seinen Lebensmittelpunkt fand. Hier war er zunächst Bauleiter bei diversen Brückenbauprojekten. So zeichnete er unter anderem für die Fertigstellung der Lutherbrücke, der Moabiter Brücke und der Oberbaumbrücke verantwortlich und machte sich in diesem Bereich bereits einen Namen.

1888 übernahm er auf Vermittlung eines früheren Lehrers der Technischen Hochschule Hannover, Professor Müller-Breslau, an der Königlichen Technischen Hochschule Charlottenburg eine Lehrtätigkeit als Privatdozent für Eisen- und Brückenbau. Diese Tätigkeit nahm er neben seinen eigenen, privaten Projekten letztlich bis 1930 war.

1893 heiratete er in Hamburg die acht Jahre jüngere Elisabeth Simon, die einer jüdischen Familie aus Hamburg entstammte. Nur ein Jahr später kam sein einziger Sohn Rudolf in Berlin zur Welt. Dieser trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Ingenieur und promovierte in seinem Fach sogar.

1898 entschied er sich zur Gründung eines eigenen Konstruktionsbüros für Statik und Bauingenieurwesen, in dem er zeitweilig bis zu 30 Mitarbeiter beschäftigte. Im Rahmen dieser Unternehmung stellte er eine Vielzahl von Bauwerken, darunter auch im Ausland, fertig: die Deutsche Kraftmaschinenhalle auf der Brüsseler Weltausstellung, eine Dieselmaschinenfabrik in Glasgow, Lokomotivwerkstätten in Breslau, das Bürohaus des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin. Neben diesen Industriebauten übernahm er aber vorrangig Aufträge zur Erstellung von Eisenbahn- und Straßenbrücken. Viele Brücken in und um Berlin, darunter der Kaisersteg, die Treskowbrücke, die Stubenrauchbrücke, die Stößenseebrücke und die Freybrücke, sind sein Werk, von denen er einige sogar ohne Hinzuziehung eines Architekten fertigstellte. Er wurde damit in dieser Zeit zu einem Experten für Stahlbrückenbau. Darüber hinaus war er auch Mitglied im Berliner Architekten- und Ingenieurverein und im Verein Deutscher Ingenieure sowie Leiter des Ausschusses der Prüfingenieure für Baustatik.

Während dieser Phase kam es 1909 zur Fertigstellung der technisch anspruchsvollen und deshalb unter Architekten und Ingenieuren viel beachteten AEG-Turbinenhalle in der Huttenstraße in Berlin, eine Montagehalle für Gasturbinen, welche heute noch existiert und noch immer als solche genutzt wird. Architekt des Turbinenhauses war Peter Behrens, der daher lange Zeit als Erbauer des Gebäudes galt. In neueren Zeiten mehren sich jedoch Ansichten, dass der Hauptbeitrag Bernhards diese Sichtweise in Frage stellen dürfte.

Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten erfuhr Bernhard große Wertschätzung durch seine Kollegen. Nicht ohne Grund wurde er 1925 durch die Technische Hochschule Stuttgart zum Ehrendoktor ernannt. Nach 1933 verschwieg man jedoch seine Beiträge aus rassistischen Gründen.

Über die genauen Umstände seines Todes im Jahr 1937 auf den Philippinen ist nichts bekannt, ebenso wie über das spätere Schicksal seiner Ehefrau. Bernhard wurde jedoch in Berlin bestattet. Seinem Sohn Dr. ing. Rudolf Bernhard gelang 1935 die Flucht in die USA.

Bernhard war ein Vertreter des neuen Eisen- und Stahlbaus, der den massiven Steinbau der Vorjahrhunderte ablöste und ein weiterführender Ausdruck der fortschreitenden Industrialisierung der Gesellschaft war. Dabei legte er jedoch großen Wert auf die Ästhetik dieser Bauten, eine Möglichkeit, die viele Architekten dem verwendeten Material damals noch absprachen. Er gilt heute als ein Meister der Ingenieurbaukunst von Brücken und Industriebauten.

Obwohl Bernhard sich selbst nach fast 50 Jahren wohl getrost als echter Berliner bezeichnet hätte, vergaß er seine Wurzeln nicht. Für einen Brückenbau in Goldberg arbeitete er unentgeltlich Planungsunterlagen aus. Er verdoppelte den Betrag der Stiftung seines Vaters, die dieser zur Unterstützung bedürftiger Goldberger begründet hatte. Seine Mecklenburgische Geburtsstadt Goldberg und die private Galerie „Goldbergkunst“ widmeten ihm 2015 eine eigene Ausstellung mit dem Ziel, „[...] Karl Bernhard aus der Vergessenheit zu holen, in die er als Jude während der 30er Jahre in Deutschland gestoßen wurde.“

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(Gramenz, Jürgen / Ulmer, Sylvia - 18.06.2016)
Quellen: