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Jüdischer Friedhof Schwaan

Region: Rostock
Adresse: Schwaan, Lindenbruchstraße (Leninallee, Lindenbruchallee, am Mühlenbach)
Erhaltung: geschlossener Friedhof mit geringem Grabsteinbestand

Geschichte des Friedhofs

Da derzeit keinerlei Hinweise auf eine jüdische Gemeinde während der ersten Phase der jüdischen Besiedlung Mecklenburgs in der Stadt Schwaan vorliegen, kann auch keine Aussage über eine etwaige jüdische Begräbnisstätte in dieser Zeit gemacht werden.

Erst aus der Zeit nach der jüdischen Wiederbesiedlung liegen Quellen zu einem jüdischen Friedhof in Schwaan vor. Seine genaue Entstehungzeit ist derzeit nicht bekannt, jedoch kann diese auf einen etwa zwanzigjährigen Zeitraum eingegrenzt werden. So ist im ältesten erhaltenen Stadtplan von 1771 am Mühlenbach im Lindenbruch am Stadtrand, wo später die Lindenbruchstraße entlang führte, ein Judenkirchhof eingezeichnet. In Anbetracht der Ansiedlung der ersten Schutzjuden ab etwa 1750 dürfte dieser daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aber erst deutlich nach der Mitte des 18. Jahrhunderts angelegt worden sein. Ob das Friedhofsgrundstück zunächst nur gepachtet war, ist derzeit nicht geklärt. Es soll jedoch schon vor 1800 in das Eigentum der jüdischen Gemeinde übergegangen sein.

Der Friedhof soll zum Ende seines Bestehens etwa 130 Grabstellen beherbergt haben. Spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts konnte die Gemeinde aufgrund des Mitgliederschwunds offensichtlich nicht genug finanzielle Mittel zur Erhaltung des Friedhofs aufbringen, denn dieser wurde in dieser Zeit schon als ungepflegt bezeichnet. Als am 13. November 1912 die Auflösung der jüdischen Gemeinde von Schwaan beantragt wurde, war das Friedhofsgrundstück zusätzlich mit Schulden behaftet. Im Rahmen der Auflösung einigte sich die Gemeinde mit der Stadt auch in Bezug auf den Friedhof: Die Stadt Schwaan erklärte sich zur Übernahme des Friedhofsgrundstück bereit, jedoch unter der Bedingung, dass dieser vorher instand zu setzen sei und die Stadt eine Entschädigung von 600 Mark erhielte. Weitere Belegungen des Friedhofs sollte fortan nur mit Zustimmung des Israelitischen Oberrates erfolgen und für jede zukünftige Beerdigung sollte die Stadt darüber hinaus eine Gebühr von 10 Mark erheben dürfen. Nach Auflösung der Jüdischen Gemeinde am 12. März 1915 ging das Grundstück als geschlossener Friedhof vereinbarungsgemäß zur dauerhaften Pflege in den Besitz der Stadt Schwaan über.

Das genaue Schicksal des Friedhofs während der Zeit des Nationalsozialismus bedarf noch weiterer Nachforschungen. Er soll jedenfalls geschändet worden sein, ohne dass das genaue Datum derzeit bekannt wäre. Grabsteine sind später als Treppenstufen zu angrenzenden Gärten benutzt worden. Die letzte Beisetzung auf dem Friedhof erfolgte im Sommer 1936, nachdem der Schwaaner Arzt Dr. med. Paul Marcus die zahlreichen Repressalien gegen ihn und seine Praxis nicht mehr ertragen konnte und Suizid begangen hatte. Der Friedhof wurde 1947 durch die Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg zunächst notdürftig wiederhergestellt. Noch bis 1950 war auch die Wagenremise des Leichenwagen erhalten geblieben, die sich in der Nähe des Friedhofs befand.

Als in den 1960er Jahren im Lindenbruch Wohnblöcke errichtet werden sollten, musste ein Großteil des Friedhofs weichen und wurde auf eine Anhöhe neben dem neu entstehenden Viertel verlagert. Dabei blieb wohl nur ein geringer Teil der ursprünglichen Grabsteine erhalten. 1988 wurden die noch vorhandenen Grabsteine und ein Gedenkstein mit Inschrift aufgestellt und das kleine Areal umzäunt. Der Restfriedhof wurde im Sommer 1988 in die Kreisdenkmalliste der DDR aufgenommen.

2009 wurden die noch insgesamt sieben vorhandenen Grabsteine und der Gedenkstein mit Fördermittel des Landes restauriert. Der heutige Restfriedhof ist in einem gepflegten Zustand. Am 27. September 2015 wurde auf Initiative des Schwaaner Kulturfördervereins am jüdischen Friedhof Schwaan eine Gedenktafel mit kurzen Fakten zur Geschichte der Gemeinde und folgender Inschrift auf Hebräisch und in Deutsch eingeweiht: „Zur ewigen Erinnerung:
Der Fels: Vollkommen ist sein Tun, denn alle seine Wege sind Recht Ein Gott der Treue, ohne Trug, er ist gerecht und aufrecht. (5. Mose 32.4)

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(Gramenz, Jürgen / Ulmer, Sylvia - 15.03.2017)
Quellen:

  • Arlt, Klaus / Beyer, Constantin / Ehlers, Ingrid / Etzold, Alfred / Fahning, Kerstin Antje: Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Wichern-Verlag, Berlin 1992
  • Borchert, Jürgen / Klose, Detlef: Was blieb... Jüdische Spuren in Mecklenburg, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin 1994
  • Brocke, Michael / Ruthenberg, Eckehart / Schulenburg, Kai Uwe: Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), Institut Kirche und Judentum, Berlin 1994
  • Gedenktafel am jüdischen Friedhof Schwaan
  • Landeshauptarchiv Schwerin: Rep. 10.72-3/1, Nr. 253 (Jüdische Gemeinden)
  • Steinmann, Joachim: Juden in Bützow, Manuskript, Bützow 1989