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Neukloster

Zur jüdischen Geschichte von Neukloster


Die jüdische Geschichte des nahe Wismar gelegenen Ortes Neukloster, der erst 1938 das Stadtrecht erhielt, ist derzeit nur unzureichend erforscht. Wirtschaftlich und kulturell prägend war für diesen Ort das hier seit dem frühen Mittelalter beheimatete Kloster, das auch für den Ortsnamen verantwortlich ist. Es wäre deshalb durchaus denkbar, dass hier in dieser Zeit bereits jüdische Händler ansässig gewesen sein könnten, jedoch liegen keinerlei Nachweise dafür vor. 1648 wurde Neukloster, wie Wismar im Übrigen auch, Schweden zugesprochen und unterlag damit der Schwedischen Jurisdiktion. Ohne Auswertung Schwedischer Quellen kann daher derzeit auch keine Aussage über möglicherweise jüdische Einwohner gemacht werden. Erst 1803 kam Neukloster dann wieder unter die Verwaltung von Mecklenburg-Schwerin, zu einer Zeit also, als es in den meisten Mecklenburger Städten schon zahlreiche Schutzjuden gab. Neukloster taucht daher in der landesweiten Schutzjudenliste von 1760, die den Zeitraum von 1749 bis 1760 abdeckt, als Ort nicht auf. Doch auch in den späteren Schutzjudenlisten von 1811 und 1824/25 und bei der Annahme erblicher Familiennamen bei den Mecklenburger Juden in den Jahren 1813/14 ist Neukloster nicht zu finden, so dass davon ausgegangen werden kann, dass sich hier erst frühestens nach 1825 jüdische Einwohner niedergelassen haben können.

Es existieren im Moment nur Nachweise für zwei jüdische Familien, die in Neukloster ansässig waren: die Jacobsohns, die teilweise auch Jacobson oder Jacobsen geschrieben wurden, und die Arons oder Ahrens. Ein später in Berlin lebendes Mitglied der Familie Jacobsohn, Emil Jacobsohn, heiratete die Tochter Martha der aus Lübz stammenden, vermutlich erst nach 1900 in Neukloster lebenden Eheleuten Adolph und Minna Arons und betrieb Geschäfte in Neukloster, Kirchdorf, Hohen Viecheln und Gielow.

Zur Frage, ob die Judenschaft von Neukloster jemals eine eigene körperschaftliche Gemeinde darstellte, gibt es widersprüchliche Quellen. Nach einer Verordnung des Justizministeriums vom 26. März 1873 hatten sich alle Juden in Orten ohne eigene Gemeinde der nächstliegenden jüdischen Gemeinde anzuschließen. Das Justizministerium ging zunächst davon aus, dass sich die Neuklosteraner Familie Jacobsohn der Gemeinde Neubukow angeschlossen und dorthin auch ihre Beiträge entrichtet hätte. Nach diverser Schriftwechsel stellte sich jedoch die Erkenntnis heraus, dass die Jacobsohns weder in Schwerin, noch Rostock oder Neubukow Mitglied waren und somit auch keine Beiträge geleistet hatten. Noch im Jahr 1900 forderte das Justizministerium das Amt Neukloster auf, die Akten der jüdischen Gemeinde Neukloster einzureichen. Das Amt Warin teilt daraufhin mit, dass in dortiger Registratur keine Akten vorhanden seien und ohnehin nur eine jüdische Familie in Neukloster namens Jacobsohn wohne. Dennoch wollte der Israelitische Oberrat mit Schreiben vom 13. Juli 1911, dass die Gesamtsumme der Beiträge der jüdischen Gemeinde Neukloster der jüdischen Gemeinde Schwerin mitgeteilt würden. Am 26. August 1911 stellte Louis Gumpert aus Wismar klar, dass die Jacobsohn Mitglied der Wismarer Gemeinde seien und ihre Beiträge auch dorthin entrichtet haben. Nach Aussage von Moritz Bonheim vom 21. September 1911 war zu diesem Zeitpunkt die Gemeinde Wismar seit mehreren Jahren der Schweriner Gemeinde angeschlossen. Von diesen Fakten abgesehen dürfte Neukloster auch im Hinblick auf die stets außerordentliche geringe Anzahl an jüdischen Einwohnern daher wohl nie eine eigenständige jüdische Gemeinde gewesen sein. Ebenso liegen keinerlei Hinweise auf einen jüdischen Friedhof oder ein Bethaus in Neukloster vor.

Zur Machtergreifung der Nationalsozialisten dürfte es keine jüdischen Einwohner in Neukloster gegeben haben. Dennoch weiß Hans-Peter Hafemeister in seinem in den Mitteilungsblättern der Altschülerschaft Wismar erschienenen Artikel „Neukloster - Kindheit im Kriege“ als Augenzeugen über einen Vorfall mit jüdischen Bezug in Neukloster zu berichten. Als die Schüler der Großen Stadtschule zu Wismar im Spätsommer 1943 im Rahmen der Kinderlandverschickung nach Neukloster evakuiert wurden, brachte man diese im Hotel Kracht unter. Die Schüler waren bereits durch die jahrelange nationalsozialistische Propaganda gezeichnet, was vor allem dem Diplomzeichenlehrer Heesch zu verdanken war, einem glühenden Antisemiten und strammen Parteigenossen. Unter den Wismarer Schülern war auch ein Junge, der nach nationalsozialistischen Kriterien als „Halbjude“ galt. Angestachelt vom herrschenden Judenhass wurde dieser eines nachts von in Decken gehüllten Gestalten aus seinem Bett gezerrt und erhielt unter der Hofpumpe eine kalte Dusche. Dies dürfte aber nur ein mildes Vorspiel für das gewesen sein, was ihm und seiner Familie danach noch angetan wurde.

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(Gramenz, Jürgen / Ulmer, Sylvia - 31.05.2017)
Quellen:

  • Francke, Norbert / Krieger, Bärbel: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg: Mehr als 2000 jüdische Familien aus 53 Orten der Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz im 18. und 19. Jahrhundert. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2001
  • Hafemeister, Hans-Peter: Neukloster - Kindheit im Kriege, Mitteilungsblatt der Altschülerschaft Wismar, Nr. 94 (Weihnachten 2000), S. 59–61
  • Landeshauptarchiv Schwerin: Rep. 2.12-4/5, Nr. 241, Nr. 632, Nr. 665 (Judenangelegenheiten); Rep. 2.22-10/30, Nr. 2403 (Dominialamt Warin)
  • Projekt Juden in Mecklenburg: Gesamtstammbaum der Mecklenburger Juden (GEDCOM)

Familien mit Bezug zu Neukloster


Arons/Ahrens, Jacobsen/Jacobson/Jacobsohn

Veröffentlichungen zu den Juden von Neukloster


Publikationen


  • Adreßbücher über und für den Gewerbe- und Handelsstand der Großherzogthümer Mecklenburg-Schwerin und Strelitz
  • Hafemeister, Hans-Peter: Neukloster - Kindheit im Kriege
    In: Mitteilungsblatt der Altschülerschaft Wismar, Nr. 94 (Weihnachten 2000), S. 59–61