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Boizenburg (Elbe)

Zur jüdischen Geschichte von Boizenburg (Elbe)


Die Stadt Boizenburg (Elbe) muss bereits in der erste Phase der jüdischen Besiedlung Mecklenburgs jüdische Einwohner gehabt haben. Wie der Güstrower Rabbiner Dr. Leopold Donath in seinem Werk „Geschichte der Juden in Mecklenburg von den ältesten Zeiten (1266) bis auf die Gegenwart (1874)“ zu berichten weiß, wurden Juden in Boizenburg in einer Urkunde der Grafen Gunselin III. und Helmold II. zu Schwerin aus dem Jahre 1267 ausdrücklich erwähnt. Es ist daher naheliegend, dass es einen jüdischen Begräbnisplatz und zumindest Beträume in dieser frühen Phase in Boizenburg gegeben haben muss. Ihre jeweilige Lage ist jedoch nicht mehr überliefert. Die jüdische Geschichte Boizenburgs endete dann zunächst wie in ganz Mecklenburg im Jahr 1492 mit der Vertreibung aller Juden aus Mecklenburg nach dem Sternberger Pogrom.

Aus der Zeit nach der jüdischen Wiederbesiedlung Mecklenburgs werden im Jahr 1734 in der Stadt Juden erwähnt, als sich Boizenburger Bürger über die jüdischen Handelsleute beim Magistrat beschwerten. Doch erst aus dem Jahr 1753 stammen mit zwei Schutzbriefen die ersten belegbaren Hinweise auf dauerhaft ansässige Juden in Boizenburg: Am 29. November 1753 erhielten die Schutzjuden Abraham Salomon und Joseph Levin ihr Privileg, das sie zur Ansiedlung in Boizenburg berechtigte und wofür beide jährlich 12 Reichstaler Schutzgeld zu zahlen hatten.

Schon 1768 bestand ein jüdischer Friedhof in Boizenburg und vermutlich existierten zu diesem Zeitpunkt auch eine Synagoge oder zumindest Beträume. Doch 1799 kam es zum Neubau der Synagoge, die bis heute als Gebäude erhalten ist.

Abgesehen von der für Mecklenburger Städte recht frühen Ausbildung einer kleinen jüdischen Gemeinde gleicht die Entwicklung der jüdische Bevölkerung danach diesen: Um 1800 waren fünf jüdische Familien hier ansässig, 1810 sollen es bereits insgesamt 36 Juden gewesen sein. Am 3. Juli 1811 teilte die Steuerstube zu Boizenburg folgende Schutzjuden mit: Abraham Moses, Abraham David, eine Witwe Isaac, Marcus Behrens und Kusel Samuel. Bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts sollten die bestehenden Familien anwachsen und noch weitere Familien hinzukommen.

Die vom Emanzipationsedikt geforderte Annnahme erblicher Familiennamen erfolgte in Boizenburg 1813. Gemeldet wurden dabei folgende Namen: Bamberger, Behrend, Cohn, Hinrichsen, Kusel, Lazarus und Seeligs Sohn (Seeligsohn/Seligsohn).

Zur Volkszählung des Jahres 1819 lebten in Boizenburg dann insgesamt 51 Personen jüdischen Glaubens, davon 15 Männer, 9 Frauen und 27 Kinder.

Recht früh, schon am 13. Oktober 1820, gab sich die Gemeinde eigene Gemeindestatuten, die landesherrlich bestätigt wurden, ein Hinweis darauf, dass die jüdische Gemeinde bereits eine bedeutendere Größe erreicht hatte. Diese erste Gemeindeordnung wurde aber im Rahmen der Erteilung Israelitischer Gemeindeordnungen durch die Landesregierung für alle Mecklenburger Gemeinden am 12. Juni 1843 durch eine durch diese verordnete Version ersetzt.

Mit Beginn der verstärkten Abwanderung und Emigration aus Mecklenburg ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts begann wie bei allen anderen Gemeinden auch die Boizenburger stark zu schrumpfen. Befanden sich 1828 noch 63 jüdische Personen in der Gemeinde, sank deren Mitgliederzahl 1846 mit etwa 38 auf nur noch 19 im Jahr 1892. Schon durch die Kosten der permanenten Reparaturen an der Synagoge verschuldet, kam die Gemeinde durch die immer weiter zurückgehenden Mitgliedsbeiträge so noch weiter in finanzielle Probleme, die dadurch schon am 18. Februar 1892 und damit früher als in anderen Gemeinden zwangsweise zum Verkauf der Synagoge an die Boizenburger Freimaurerloge „Vesta zu den drei Türmen“ führten.

1925 lebten noch drei jüdische Familien in der Stadt: Cohn, Katz und Wolff. 1937 waren es nur noch Bernhard Cohn und Tochter Bertha, die noch im gleichen Jahr aufgrund der politischen Verhältnisse die Stadt verließen, um ihr Heil in der Anonymität der Großstädte zu suchen. Bertha Cohn heiratete und lebte zeitweise in Hamburg und Wuppertal. Sie wurde am 27. Oktober 1941 von Düsseldorf in das Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo sie am 9. Februar 1942 starb. Auch ihre Schwester Grete und deren Ehemann Alfred Heidemann wurden nach Litzmannstadt gebracht. Keiner von ihnen überlebte den Holocaust. Schon 1938 war Boizenburg deshalb, wie es im damaligen Jargon hieß, „judenfrei”. In der „Reichskristallnacht“ im gleichen Jahr kam es daher auch zu keinen nennenswerten Ausschreitungen.

Die eigentliche jüdische Geschichte Boizenburgs endete zwar 1938, noch im Frühjahr/Sommer 1944 wurden allerdings 400 ungarische Jüdinnen aus Auschwitz-Birkenau in das Frauenaußenlager Boizenburg des KZ Neuengamme auf dem Elbberg verlegt. Bis April 1945 mussten sie hier unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit in der Werft Thomson & Co. verrichten. Am 28. April 1945 mussten alle Insassen in einem Todesmarsch in Richtung Ludwigslust das Lager räumen. Nach fünf Tagen Marsch wurden sie am 2. Mai 1945 bei Groß-Laasch durch die 82. Luftlandedivision befreit.

Bereits 1803 erwarb der Kaufmann Abraham Cohn ein Haus in der Baustraße 12, für das er erst im Jahr 1838 eine Genehmigung zum Kauf vom Herzog erhielt. Dieses Haus blieb bis 1938 im Besitz der Familie. Durch die Arbeit engagierter und geschichtsinteressierter Boizenburger erinnert seit 2006 eine Gedenktafel an diesem Gebäude an den letzten jüdischen Bürger der Stadt. Ebenso wird in Boizenburg der Geschehnisse um das Frauenaußenlager gedacht.

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(Gramenz, Jürgen / Ulmer, Sylvia - 26.09.2015)
Quellen:

  • http://media.offenes-archiv.de/ha2_2_10_3_thm_2372.pdf
  • http://www.svz.de/lokales/hagenower-kreisblatt/am-28-april-begann-todesmarsch-id9576166.html
  • Donath, Leopold: Geschichte der Juden in Mecklenburg von den ältesten Zeiten (1266) bis auf die Gegenwart (1874), Verlag Oskar Leiner, Leipzig 1874
  • Francke, Norbert / Krieger, Bärbel: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg: Mehr als 2000 jüdische Familien aus 53 Orten der Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz im 18. und 19. Jahrhundert. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2001
  • Kämmerer, Ferdinand (Hrsg.): Gelehrte und gemeinnützige Beiträge aus allen Theilen der Wissenschaften, Erster Jahrgang (1840), Nr. 35 (2. September 1840), Adlers Erben, Rostock 1840
  • Landeshauptarchiv Schwerin: Rep. 2.12-4/5, Nr. 241, 632
  • Landeshauptarchiv Schwerin: Rep. 5.12-3/20, Volkszählung in Mecklenburg-Schwerin vom 10. September 1819
  • Vormann, Heidemarie Gertrud: Bauhistorische Studien zu den Synagogen in Mecklenburg, Dissertation an der Technischen Universität Braunschweig, Braunschweig 2010

Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Boizenburg (Elbe)


Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Boizenburg (Elbe)

Familien mit Bezug zu Boizenburg (Elbe)


Bamberger, Behrend/Behrendt, Carsten, Cohn, Engel, Freudenberger, Friedheim, Gotthelf, Hecht, Heynssen, Hinrichsen, Jacob, Jaffe, Josephy, Katz, Kusel, Lazarus, Manecke, Marcus, Meinungen, Nickelsburg, Rosenberger, Rosenstern, Salomon, Schwabe, Seligsohn/Seeligsohn, Silberberg, Wiesenthal, Wiesenthal, Wolff, Wolff

Bekannte Holocaust-Opfer (6)


  • Margarete Baecher geb. Wiesenthal
  • Bertha Benjamin geb. Cohn
  • Greta Heidemann geb. Cohn
  • Philipp Lazarus
  • Elsa Skurnik geb. Wiesenthal
  • Margarete Wiesenthal

Veröffentlichungen zu den Juden von Boizenburg (Elbe)


Publikationen


  • Mercantilisches Addreßbuch der Großherzogthümer Meckl.-Schwerin u. -Strelitz, worin: die Addressen der Magistratspersonen der Städte, der weltlich obrigkeitlichen Beamten der Flecken, der Accise- und Postbeamten, fremden Consuls, Advocaten, Apotheker, Kaufleute, Fabrikanten, Manufacteurs, Buchhändler, Gasthofinhaber und anderer dazu qualificirende Handels- oder industrielle Geschäfte treibende Leute in den Großherzopthümern, wie auch: bei jedem entsprechenden Orte Angabe seiner Wolkszahl, Meilenzeiger, Notizen über Schiffs-, Fuhrgelegenheiten etc.
  • Adreßbücher über und für den Gewerbe- und Handelsstand der Großherzogthümer Mecklenburg-Schwerin und Strelitz
  • Arlt, Klaus / Beyer, Constantin / Ehlers, Ingrid / Etzold, Alfred / Fahning, Kerstin Antje: Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen
  • Borchert, Jürgen / Klose, Detlef: Was blieb... Jüdische Spuren in Mecklenburg
  • Diekmann, Irene: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern
  • Ständer, Ilse: Das KZ Außenlager Boizenburg des KZ Neuengamme
  • Vormann, Heidemarie Gertrud: Bauhistorische Studien zu den Synagogen in Mecklenburg
  • Voß, Gerhard: Jüdische Friedhöfe in Mecklenburg – eine Bestandsaufnahme
    In: Studienhefte zur Mecklenburgischen Kirchengeschichte, Heft 1 (1993), S. 5-15
  • Will, Erika: Jüdische Spuren
    In: Regionalgeschichtliche Beiträge und Fotos, Verein Boizenburger Museumsfreunde e. V., Boizenburg 2005, S. 8-13
  • Will, Erika: Boizenburg/Elbe
    In: Diekmann, Irene: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 83-98
  • Will, Erika: Jüdische Vergangenheit in Boizenburg
    In: Boizenburg: Beiträge zur Geschichte der Stadt III, Herausgegeben vom Heimatmuseum Boizenburg anläßlich seines 50jährigen Bestehens, Boizenburg, Heimatmuseum 1985. S. 9-24.
  • Wolfgramm, Knuth: Jüdischer Friedhof in Boizenburg
    In: Zur Geschichte Boizenburgs, Boizenburg, Boizenburger Museumsfreunde. Verein zur Förderung des Heimatmuseums 2007, S. 92.

Dokumente mit Bezug zu den Juden von Boizenburg (Elbe)


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Beschreibung Zeitpunkt/Zeitraum Typ
Auszug aller privilegirten Juden und was selbige Laut der, mittelst Herzoglich Verordnung vom 20. Septbr. 1760 Communicirten Specification An Schutz-Geld Zur Herzoglich. Renterey von Anno 1749 bis zum Termino Trinitatis 1760 bezahlet haben, und darauf nach infinuation gedachter Specification, nemlich den 1ten Octobr. 1760 Restiren. 1749-1760 Transkript
Berichte der örtlichen Steuerstuben zu Knechten der ansässigen Schutzjuden auf Anforderung der Steuer-Policey- und städtischen Cämmerey-Commißion zu Güstrow vom 18. Juni 1811 1811 Zusammenfassung
General-Verzeichniß der in den Städten des Großherzogthums Mecklenburg Schwerin privilegirten sämmtlichen Schutz-Juden 3. Januar 1825 Transkript