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Demmin

Zur jüdischen Geschichte von Demmin


Die seit mindestens dem 12. Jahrhundert existierende und heute verwaltungsrechtlich Mecklenburg angegliederte Stadt Demmin war die meiste Zeit Teil Pommerns. Sie unterstand dabei lange dem Schwedischen Pommern, später Preußen, weswegen der Ablauf der jüdischen Geschichte hier grundsätzlich anders als im restlichen Mecklenburg war. Eine solch klare zeitliche Auftrennung in zwei Besiedlungsphasen gab es hier daher nicht. Obwohl es auch hier wie in Mecklenburg nach der Sternberger Hostienschändung im Jahr 1492 zu einer Verbannung aller Juden kam, siedelten sie sich in Pommern früher wieder an. Wegen der wechselnden Besitzverhältnisse in Bezug auf Demmin ist nicht sicher, wann hier Schwedisches und Preußisches Recht zur Anwendung kam. Die ab 1818 erteilten Preußischen Naturalisationspatente an Demminer Juden sprechen heute für einen Wechsel der Schwedischen zur Preußischen Rechtsordnung spätestens ab 1818.

Obwohl es bereits mehrere Versuche und entsprechende Publikationen zur Aufarbeitung der jüngeren jüdischen Geschichte Demmins gab, ist diese bis heute nicht hinreichend plausibel genug darstellbar. So liegt bereits die erste Ansiedlung von Juden in Demmin im Dunkeln. Karl Goetze, ein ehemaliger Rektor der städtische Schule in Demmin und Verfasser der Stadtchronik „Geschichte der Stadt Demmin auf Grund des Demminer Ratsarchivs, der Stolleschen Chronik und andere Quellen“ von 1903 möchte eine Ansiedlung von Juden für das 16. Jahrhundert belegen und listet als Indizien dafür einige angeblich jüdisch klingende Familiennamen auf. Bei näherer Betrachtung könnten diese jedoch durchaus auch rein christlichen Ursprungs gewesen sein.

Noch komplizierter wird es dann jedoch im 19. Jahrhundert, als erstmals wirkliche Belege für in Demmin ansässige Juden auftauchen. Älteren Forschungen zufolge soll eine erneute Ansiedlung im Jahre 1812 begonnen haben, als auf einen Schlag 39 erwachsene Juden angeblich eine Wohnerlaubnis für Demmin erhielten. Obgleich dieser massenhafte Zuzug bereits unplausibel erscheint, wurde dafür eine polizeiliche Registrierung von 1812 als Beleg benannt, in der die Namen der betreffenden Juden erfasst worden waren. Die dort genannten Namen, darunter beispielsweise die Familie Cohnheim, sind jedoch nachweislich erst später zugezogen, so dass Zweifel am genannten Ausstellungsjahr der Registrierung berechtigt sind. Nach neueren Forschungen des Demminer Regionalhistorikers, Architekten und Ehrenbürgers Jochen Bauckmeier aus dem Jahr 1997 gab es bis zum Jahre 1818 keine Juden in Demmin. Als Beleg nennt er einen entsprechenden Vermerk in dem seit 1812 in Demmin geführten Judenverzeichnis, das auf der Grundlage einer Verordnung der Pommerschen Regierung aus diesem Jahr, nach der sich alle inländischen Juden bis zum 12. September 1812 bei bestimmten staatlichen Behörden zu melden hatten und dort zu erfassen waren, errichtet worden war. Erster Jude soll demnach ein Nathan Meyer gewesen sein, der sein Naturalisationspatent der Pommerschen Regierung in Stargard am 8. Januar 1813 erhalten hatte, sich aber erst 1818 in Demmin niederließ. Meyer verließ Demmin aber schon im Juli 1819 wieder. Etwa zur gleichen Zeit soll sich dann Abraham Isaac Cohnheim in Demmin niedergelassen haben. Zuvor war er 28 Jahre unter dem Namen Abraham Isaac Cohn als Schutzjude in Dargun ansässig. Er, seine Frau und die gemeinsamen drei Söhne wurden damit die erste jüdische Familie in Demmin in neuerer Zeit. Erst im März 1821 gab es mit Isaac Abraham Saalfeld neuen Zuzug. Dieser gründete erst hier eine eigene Familie.

Ihnen folgten spätere weitere jüdische Familien. Wie Bauckmeier ausführt, kamen die jüdischen Männer Demmins damals fast ausschließlich aus den östlicheren Gebieten, während die Frauen fast nur aus dem Mecklenburger Raum stammten. Anders als in vielen Mecklenburger Städten wohnten die Demminer Juden nicht konzentriert an einem Platz im Ort, sondern waren verteilt wie die restliche Bevölkerung auch. Die jüdischen Familien lebten wie üblich hauptsächlich vom Kleinhandel. Einige Familien, wie die Cohnheims, waren dabei erfolgreicher und konnten sich im Getreide- und Wollhandel etablieren und zu einigem Wohlstand kommen. Die jüdischen Kinder gingen auf städtische Schulen, erhielten aber nebenher den üblichen Religionsunterricht.

In der Anfangsphase gehörte die Demminer Gemeinde zur jüdischen Gemeinde von Stralsund. Dennoch erwarben sie 1825 vor dem Luisentor, dem früheren Kuhtor, ein kleines Grundstück als Friedhof. 1839 wurde eine kleine Synagoge erbaut. Erst im Juli 1847 wurde die jüdische Gemeinde von Demmin organisatorisch selbständig. Im gleichen Jahr wurde ein neuer jüdischer Friedhof in der Bergstraße angeschafft und vermutlich auch eröffnet. Bis etwa 1850 gehörte die jüdische Gemeinde von Treptow an der Tollense, das heutige Altentreptow, zur Demminer Gemeinde, bis sie eine eigene Filialgemeinde bildeten.

Ab wann eine erste Gemeindeordnung existierte, ist nicht geklärt. Sie dürfte sich aber kaum von den üblichen Regelungen in anderen Städten unterschieden haben. Belegt ist, dass der Vorstand der jüdischen Gemeinde aus insgesamt drei Personen bestand: dem Vorsteher, einem Vertreter und dem Rechnungsführer. Erst am 12. September 1857 wurde dann offiziell eine eigene Gemeindeordnung bestätigt. Das Amt des Vorstehers hatte von von 1847 bis 1901 Levin Hirsch übernommen, der auch gleichzeitig der Kantor der Gemeinde war. Im Zeitraum von etwa 1857 bis 1889 gehörten Joseph Elkisch, Salomon Cohnheim, David Davidsohn sen., Ruben Manheim, Philipp Meilitz und Dr. Marcus Rosenberg zum Vorstand, ohne das deren genaue Funktion im Einzelnen bekannt ist. 1868 ist als Vorsteher dann ein D. Cohn belegt. 1910 bestand der Vorstand aus Julius Burwitz, David und Arnold Davidsohn und Hermann Holz. Am 30. Oktober 1926 erhielt die Demminer Gemeinde aus unbekannten Gründen eine neue Gemeindeordnung. Der Vorstand bestand auch danach noch aus drei Mitgliedern. In gleichen Jahr gehörten zum Vorstand Hermann Holz, David und Arnold Davidsohn.

Wie überall in den deutschen Landen stellte das Scheitern der Deutschen Revolution von 1848/49 auch in Demmin eine Zäsur insbesondere für die jüdischen Einwohner dar, da ihre Hoffnung auf rechtliche Gleichstellung wieder einmal zerstört worden war. So sie denn nicht gleich nach Übersee auswanderten, entschlossen sich auch hier vom Ausgang der Revolution enttäuschte jüdische Familien für einen Übertritt zum Christentum, um wenigstens so eine rechtliche Gleichstellung und Chancengleichheit zu erreichen. Nach 1850 sind deshalb in Demmin ließen sich einige jüdische Familien taufen, darunter die Kirchners, Settgasts und Klemanns. Erst das ermöglichte ihnen auch einen leichteren gesellschaftliche Aufstieg. Karl Klemann und Wilhelm Settgast konnten so um die Jahrhundertwende Stadträte von Demmin werden. Die ihrem Glauben treu geblieben waren, organisierten sich selbstbewusst spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts. 1905 wurde ein Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, 1910 oder 1920 ein Jüdischer Frauenbund und ein Jüdischer Jugendverband gegründet.

Die jüdische Bevölkerung Demmins entwickelte sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte dieses Jahrhunderts rasant. Um 1848 lebten in Demmin etwa 120 jüdische Einwohner. Obwohl ab dieser Zeit überall aufgrund der Industrialisierung eine massive Abwanderung in die Großstädte und sogar eine Emigration ins Ausland einsetzte, blieb die jüdische Einwohnerzahl in Demmin bis etwa 1880 nahezu konstant über 100, sank danach aber umso stärker ab. Gab es um 1880 noch etwa 100 jüdische Einwohner, verringerte sich deren Anzahl bis 1900 auf etwa 25. Die Abwanderung führte schließlich um 1928/29 dazu, dass kein für den Gottesdienst rituell erforderlicher Minjan von zehn Männern zusammenkommen konnte und dass die Gemeinde auch finanziell nicht mehr lebensfähig war. Sie musste sich deshalb der Stralsunder Gemeinde wieder anschließen.

Bereits in dieser Zeit und damit schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren in Demmin nationale und völkische Tendenzen vorhanden. Der übereifrige NSdAP-Ortsverein hatte hier bereits in den 1920er Jahren zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Zum offiziellen Judenboykott am 1. April 1933 kam es dann am Vormittag zu den üblichen Aktionen vor den drei, hier noch existierenden jüdischen Geschäfte. Ein Großteil der jüdischen Einwohner floh vor den Repressalien aus der Stadt in die vermeintliche Anonymität der Großstädte. Den Meisten nützte es nichts, denn sie wurden später dennoch Opfer des Holocaust. Im Sommer 1938 lebten in Demmin schließlich noch vier Juden: Rosa Lewinsky, Arnold, Ida und Grete Davidsohn. Diese mussten in diesem Jahr dem Verkauf der Synagoge zustimmen. Zur „Reichskristallnacht“ am 9./10. November wurde der jüdische Friedhof in der Bergstraße geschändet. 1939 musste dieser an die Stadt verkauft werden. Nachdem Ida Davidsohn verstorben und Arnold Davidsohn aus der Stadt geflohen waren, wurden Grete Davidsohn und möglicherweise auch Rosa Lewinsky 1942 in Richtung Stettin deportiert. Damit endete 1942 die jüdische Geschichte Demmins. Grete Davidsohn wurde 1943 in Treblinka ermordet. Ob Rosa tatsächlich zum Deportationszeitpunkt noch in Demmin war, ist nicht gesichert. Es gibt Hinweise darauf, dass sie zuvor nach Südafrika fliehen konnte. 2010 wurden in Demmin mehrere Stolpersteine zum Gedenken an ehemalige jüdische Einwohner verlegt.

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(Gramenz, Jürgen / Ulmer, Sylvia - 02.07.2016)
Quellen:

  • Arlt, Klaus / Beyer, Constantin / Ehlers, Ingrid / Etzold, Alfred / Fahning, Kerstin Antje: Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Wichern-Verlag, Berlin 1992
  • Bauckmeier, Jochen: Die Juden in Demmin: Versuch einer Schilderung der Verhältnisse bis 1939, Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde (Hrsg.): Baltische Studien, Ausgabe 83/1997, S. 54-59
  • Diekmann, Irene: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998

Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Demmin


Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Demmin

Familien mit Bezug zu Demmin


Badt, Beerbaum, Bernheim, Bringe, Brotzen, Burwitz, Cohn, Cohnheim, Cohnreich, David, Davidsohn, Elkisch, Feistel, Goldberg, Gram/Gramm, Halle, Herzberg, Hirsch, Hirschfeld, Holz, Hurwitz, Isaac, Israel, Jacobsohn, Joachim, Joachimsthal, Kaufmann, Kirchner, Kirstein, Klemann, Kramer, Levin, Lewinsky, Lichenheim, Liebeck, Loewe, Loewenstein, Manheim/Mannheim, Meilitz, Meyer, Moses, Müller, Nathan, Neumann, Paul, Perel, Phillipsohn, Prager, Ree, Rosenberg, Saalfeld/Salfeld, Salomon, Schleich, Schöne, Seligmann, Settgast, Stein, Sußmann, Tobias, Weissenborn, Wolfsberg

Persönlichkeiten


  • Kieler, Breslauer und Leipziger Pathologieprofessor Julius Cohnheim
  • Demminer Branddirektor David Davidsohn
  • Völkerrechtsprofessor Dr. jur. Erich Kaufmann

Bekannte Holocaust-Opfer (16)


  • Emil Cohn
  • Hulda Cohn
  • Cäcilie Cohn
  • Alfred Cohn
  • Arnold Davidsohn
  • Max Davidsohn
  • Grete Davidsohn
  • Jenny Feistel geb. Davidsohn
  • Erika Goldberg geb. Hurwitz
  • Louis Gramm
  • Herta Halle
  • Magdalena Hirschfeld
  • Asta Jacob geb. Davidsohn
  • Jenny Justus geb. Cohn
  • Hedwig Levin geb. Bringe
  • Jenny Paul geb. Moses

Stolpersteine: 4


  • Goethestraße 3
    • David Davidsohn
    • Grete Davidsohn
  • Frauenstraße 25
    • Lisbeth Davidsohn geb. Löwenthal
    • Arnold Davidsohn

Veröffentlichungen zu den Juden von Demmin


Publikationen


  • Arlt, Klaus / Beyer, Constantin / Ehlers, Ingrid / Etzold, Alfred / Fahning, Kerstin Antje: Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen
  • Diekmann, Irene: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern
  • Wilhelmus, Wolfgang: Juden in Vorpommern, Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns Nr. 8
  • Bauckmeier, Jochen: Die Juden in Demmin: Versuch einer Schilderung der Verhältnisse bis 1939
    In: Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde (Hrsg.): Baltische Studien, Ausgabe 83/1997, S. 54-59
  • Frankiewicz, Bogdan / Wilhelmus, Wolfgang: Selbstachtung wahren und Solidarität üben: Pommerns Juden während des Nationalsozialismus
    In: Heitmann, Margret / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): „Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben ...“: Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim/Zürich/New York 1995, S. 453-471
  • Genz, Peter: 170 Jahre jüdische Gemeinde in Stralsund: Ein Überblick
    In: Heitmann, Margret / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): „Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben ...“: Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim/Zürich/New York 1995, S. 119-144
  • Krüger, Egon / Wilhelmus, Wolfgang: Juden in Pasewalk und Umgebung
    In: Heitmann, Margret / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): „Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben ...“: Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim/Zürich/New York 1995, S. 173-182
  • Neubach, Helmut: Jüdische Politiker aus und in Pommern
    In: Heitmann, Margret / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): „Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben ...“: Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim/Zürich/New York 1995, S. 343-352
  • Strübing, Gerhard: „Die Davidsohns und Müllers waren Menschen wie wir ...“: Juden in Grimmen
    In: Heitmann, Margret / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): „Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben ...“: Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim/Zürich/New York 1995, S. 209-223
  • Vensky, Erla: Demmin
    In: Diekmann, Irene: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 99-114
  • Vensky, Erla: Juden im Kreis Demmin
    In: Heitmann, Margret / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): „Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben ...“: Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim/Zürich/New York 1995, S. 193-207
  • Voß, Silke: Auf den Spuren jüdischen Lebens: in Demmin wohnten zeitweise etwa 100 Juden - fast 150 Jahre wirkten sie als Händler
    In: Nordkurier, Ausgabe 215/2001
  • Wilhelmus, Wolfgang: Aus der Geschichte der Juden in Vorpommern
    In: Diekmann, Irene: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 23-36
  • Wilhelmus, Wolfgang: Juden in Vorpommern im 19. Jahrhundert
    In: Heitmann, Margret / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): „Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben ...“: Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim/Zürich/New York 1995, S. 99-115
  • Mertens, Elke / Köhncke, Andreas / Nicke, David: Forschungsprojekt Jüdische Friedhöfe in Mecklenburg Vorpommern, März 2002 - Februar 2003, Bericht inklusive Anhang