Twitter Facebook Google LinkedIn Pinterest Tumblr Digg Email

Lübtheen

Zur jüdischen Geschichte von Lübtheen


Die heutige Stadt Lübtheen erhielt ihr Stadtrecht erst im Jahr 1938. Aufgrund der geringen Bedeutung des Ortes im Mittelalter dürfte es während der Zeit nach der jüdischen Erstbesiedlung Mecklenburgs hier wohl noch keine jüdischen Einwohner gegeben haben.

Wann sich in Lübtheen die ersten Schutzjuden in der Zeit nach der jüdischen Wiederbesiedlung Mecklenburgs niederlassen durften, liegt derzeit im Dunkeln. In der landesweiten Schutzjudenliste aus dem Jahr 1760, die den gesamten Zeitraum von 1749 bis 1760 abdeckt, taucht der Ort folgerichtig bereits nicht auf, da in dieser Zeit eine Niederlassung von Schutzjuden nur in den Landstädten zugelassen wurde. Auch in den späteren überregionalen Schutzjudenlisten von 1811 und 1824/25 wird Lübtheen daher nicht einmal erwähnt. Darüber hinaus gibt es auch keine Hinweise auf eine jemals existierende Meldeliste der angenommenen erblichen Familiennamen bei den hiesigen Juden, soweit diese hier überhaupt schon ansässig waren, die das 1813 erlassene Emanzipationsedikt von allen Mecklenburger Juden gefordert hatte. Schließlich wurden auch in der Volkszählung von 1819 bei den Lübtheener Einwohnern keinerlei Personen mosaischen Glaubens erfasst.

Der derzeit früheste Nachweis für jüdische Einwohner in Lübtheen stammt aus den Jahren 1825 bis 1828. Lübtheen war damals der Wohnort der Familien Wolffenstein und Wolff, später auch Abraham, welche bis Ende des 19. Jahrhunderts auch den Hauptteil der kleinen jüdischen Bevölkerung in Lübtheen stellten. Mit Beginn des 20 Jahrhunderts, genauer 1901, siedelte sich hier der aus der Provinz Posen stammende jüdische Arzt Dr. med. Bernhard Aronsohn an und ergänzte damit den hier bereits praktizierenden Arzt Sanitätsrat Seeler. Beide arbeiteten einvernehmlich im Ort und sorgten dafür, dass schon 1903 hier ein Krankenhaus errichtet wurde, das vor allem die Kumpel der beiden nahen Kali- und Steinsalzbergwerke behandelte. Ihre Bemühungen fanden breite Anerkennung in Lübtheen.

Es hat sehr wahrscheinlich weder einen jüdischen Friedhof noch ein Bethaus in Lübtheen gegeben. Die wenigen Verstorbenen der Lübtheener Judenschaft wurden ab 1806 auf dem jüdischen Friedhof in Hagenow bestattet, davor, soweit es in dieser Zeit überhaupt jüdische Einwohner in Lübtheen gab, vermutlich wie auch die Hagenower auf dem Schweriner Friedhof. Ob die Lübtheener Judenschaft je eine eigene körperschaftliche Gemeinde darstellten, ist unwahrscheinlich. Spätestens für 1933 liegt jedenfalls ein Nachweis dafür vor, dass die wenigen Lübtheener Juden zur jüdischen Gemeinde von Hagenow gehörten.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg kam es in ganz Deutschland schon in den 1920er Jahren zu Schuldzuweisungen auch an die jüdischen Einwohner. In Mecklenburg wurden deshalb vor allem jüdische Friedhöfe geschändet, doch es gab auch Ausfälle gegen Personen. In Lübtheen wurde insbesondere der eigentlich geschätzte Arzt Aronsohn diffamiert und bedrängt. Dies setzte sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verstärkt fort. Zum sogenannten „Judenboykott“ am 1. April 1933 postierten sich SA-Leute vor seiner, in der Klingbergstraße 20 gelegenen Praxis und hielten seine Patienten von einem Besuch ab. Gleiches geschah vor dem kleinen Kaufhaus der jüdischen Familien Wolff. Im September 1938 wurde das Berufsverbot für jüdische Ärzte wirksam, das auch ihm die Lebengrundlage entzog. Im Rahmen der „Reichskristallnacht“ wurde Aronsohn am 10. November 1938 in sogenannte „Schutzhaft“ genommen, wie viele andere jüdische Männer aus Mecklenburg in das Gefängnis nach Alt-Strelitz gebracht und kurze Zeit später mit der Auflage entlassen, das Land schnellstens zu verlassen. 1939 waren er und seine Ehefrau Ida geb. Ostberg gezwungen, ihr Wohnhaus zu verkaufen. Die Aronsohns flohen über Rostock in die vermeintliche Anonymität nach Hamburg, von wo aus sie aber am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Neben den Aronsohns lebten zur Machtergreifung im Jahr 1933 neben den Angehörigen der Familien Wolff und Wolffenstein auch eine Familie Renner, bestehend aus den Eheleuten Hugo und Anna, in Lübtheen. Hugo Renner war als Handelsvertreter für die US-Firma Gumpert & Co. in Hamburg tätig. Die Familie verließ Lübtheen wegen der Repressalien noch im gleichen Jahr in Richtung Rostock. Die letzte verbliebene Jüdin in Lübtheen dürfte Meta Wolff gewesen sein. Sie wurde in einer landesweiten Aktion gegen die Mecklenburger Juden am 11. November 1942 über Berlin nach Theresienstadt deportiert und verstarb dort. Mindestens drei weitere ihrer Geschwister, die in anderen Mecklenburger Orten wohnten, wurden ebenfalls Opfer des Holocaust.

Für die jüngere jüdische Geschichte des Ortes ist in Lübtheen viel getan worden. Am ehemaligen Wohnhaus des Dr. med. Bernhard Aronsohn in der Stellingstraße 15 wurde schon 1959 durch die Ortsgruppe des Demokratischen Kulturbundes eine Gedenktafel angebracht. Mittlerweile ist eine Lübtheener Straße nach dem jüdischen Arzt benannt. 2006 wurden in Lübtheen sowohl für die Aronsohns als auch für mehrere Familienmitglieder der Wolffs, Vorfahren des ehemaligen Hamburger Oberbürgermeisters Ole von Beust und in dessen Beisein, Stolpersteine verlegt.

-----
(Gramenz, Jürgen / Ulmer, Sylvia - 17.06.2017)
Quellen:

  • http://www.stolpersteine-hamburg.de/index.php?MAIN_ID=7&BIO_ID=177
  • Brocke, Michael / Ruthenberg, Eckehart / Schulenburg, Kai Uwe: Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), Institut Kirche und Judentum, Berlin 1994
  • Francke, Norbert / Krieger, Bärbel: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg: Mehr als 2000 jüdische Familien aus 53 Orten der Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz im 18. und 19. Jahrhundert. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2001
  • Kasten, Bernd: Verfolgung und Deportation der Juden in Mecklenburg 1938-1945, Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Thomas Helms Verlag, Schwerin 2008
  • Landeshauptarchiv Schwerin: Rep. 2.12.-4/5, Nr. 241, 632, 665 (Judenangelegenheiten)
  • Projekt Juden in Mecklenburg: Gesamtstammbaum der Mecklenburger Juden (GEDCOM)
  • Schlaefer, Kristine: Die mißglückte Auswanderung des Hugo Renner: ein jüdisches Schicksal in Mecklenburg, Ingo Koch Verlag, Rostock 1999
  • Schröder, Frank / Ehlers, Ingrid (Hrsg.): Zwischen Emanzipation und Vernichtung: Zur Geschichte der Juden in Rostock. Schriftenreihe des Stadtarchivs Rostock, Heft 9., Stadtarchiv Rostock, Rostock 1988

Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Lübtheen


Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Lübtheen

Familien mit Bezug zu Lübtheen


Abraham, Aronsohn, Cohn, Elkan, Holländer, Holstein, Katzenfuß, Lazarus, Lehmann, Löwenthal, Renner, Stern, Wolff/Wulff, Wolffenstein

Bekannte Holocaust-Opfer (6)


  • Ida Aronsohn geb. Ostberg
  • Dr. med. Bernhard Aronsohn
  • Willy Wolff
  • Dr. jur. Gottfried Wolff
  • Meta Wolff
  • Franz Wolff

Stolpersteine: 5


  • Johann-Stelling-Straße 15
    • Dr. med. Bernhard Aronsohn
  • Rudolf-Breitscheid-Straße 3
    • Willy Wolff
    • Franz Wolff
    • Meta Wolff
    • Dr. jur. Gottfried Wolff

Veröffentlichungen zu den Juden von Lübtheen


Publikationen


  • Adreßbücher über und für den Gewerbe- und Handelsstand der Großherzogthümer Mecklenburg-Schwerin und Strelitz
  • Mercantilisches Addreßbuch der Großherzogthümer Meckl.-Schwerin u. -Strelitz, worin: die Addressen der Magistratspersonen der Städte, der weltlich obrigkeitlichen Beamten der Flecken, der Accise- und Postbeamten, fremden Consuls, Advocaten, Apotheker, Kaufleute, Fabrikanten, Manufacteurs, Buchhändler, Gasthofinhaber und anderer dazu qualificirende Handels- oder industrielle Geschäfte treibende Leute in den Großherzopthümern, wie auch: bei jedem entsprechenden Orte Angabe seiner Wolkszahl, Meilenzeiger, Notizen über Schiffs-, Fuhrgelegenheiten etc.
  • Kasten, Bernd: Verfolgung und Deportation der Juden in Mecklenburg 1938-1945
  • Schlaefer, Kristine: Die mißglückte Auswanderung des Hugo Renner: ein jüdisches Schicksal in Mecklenburg