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Rossow

Zur jüdischen Geschichte von Rossow


Das domaniale Dorf Rossow in der Nähe Wittstocks war ursprünglich neben Netzeband und Schönberg eine von drei Mecklenburgisch-Schwerinschen Exklaven, die ersten Beiden in der Prignitz, in Brandenburg mit einem Gebiet von etwa einer halben Quadratmeile. Nach Unterstellung unter die Herrschaft Mecklenburg-Schwerins erfolgte die Verwaltung Rossows durch das Amt Wredenhagen. Bei der Ortschaft handelte es sich um ein durchaus armes Dorf, das im Verlaufe seiner Geschichte mehrfach abbrannte, so zumindest 1850 und 1879. Erst 1937 wurde es in die Mark Brandenburg eingegliedert.

Das Dorf Rossow dürfte in der Zeit nach der jüdischen Erstbesiedlung Mecklenburgs im 13. Jahrhundert nicht zur Herrschaft Mecklenburg gehört haben, wodurch es hier keine endgültige Vertreibung nach dem Sternberger Hostienschändungsprozess im Jahr 1492 und damit auch keine solch klare Unterteilung der jüdischen Geschichte in zwei Phasen gegeben haben dürfte. Diese verlief hier schon deshalb grundlegend anders. Zwar muss es dann auch hier nach der Übernahme des Gebiets durch Mecklenburg zur gleichen Zeit wie in den Mecklenburger Städten im frühen 18. Jahrhundert zu einer verstärkten jüdischen Ansiedlung gekommen sein, jedoch wurde mit dem Amt Wredehagen auch Rossow von 1734 bis 1787 an Preußen verpfändet und unterstand damit Preußischem Recht und folglich anderen Rahmenbedingungen.

Es gibt mehrere Quellen, die die Existenz einer jüdischen Gemeinde von Rossow zumindest schon für das frühe 18. Jahrhundert belegen. Laut eines Berichts vom 1. Juli 1791, der nach der Auslöse Rossows aus Preußischem Pfand angefertigt worden war, sollen die ansässigen Juden zu diesem Zeitpunkt bereits seit 60 Jahren, also damit seit etwa 1730, in Rossow gewohnt haben. Eine noch frühere Ansiedlung wird durch die in mehreren Quellen belegten Überlieferungen zum Ursprung der jüdischen Familie Ladewig aus Mecklenburg, welche derzeit auch den ältesten konkreten Hinweis auf eine jüdische Familie in Rossow darstellen. Danach hatte sich diese Familie schon Anfang des 18. Jahrhunderts ursprünglich von Emden gekommend in der Enklave Rossow niedergelassen. Einige der in Rossow beheimateten Familienzweige trugen dann zunächst den Namen Nathan, verließen das Dorf aber später in Richtung Crivitz, da sie sich dort ein besseres wirtschaftliches Auskommen versprachen. Die Ansiedlung der späteren Crivitzer Familie Ladewig ist jedoch dort schon für die 30er Jahre des 18. Jahrhunderts belegt. Die Rossower Gemeinde dürfte damit schon weit vor 1730 bestanden haben. Eine weitere Anmerkung in diesen Familienüberlieferungen über den Fund alter hebräischer Leichensteine in Rossow um das Jahr 1850 könnte sogar ein Hinweis darauf sein, das der wirkliche Beginn der jüdischen Gemeinde noch weiter in die Vergangenheit verlegt werden muss.

Die jüdische Gemeinde muss schon im 18. Jahrhundert eine stattliche Größe aufgewiesen haben, was für ein Dorf überhaupt untypisch war. Sie mieteten sich bei den Hauswirten ein und verdienten sich ihren Lebensunterhalt mit dem Hausierhandel von Landprodukten, die sie in Mecklenburg und Brandenburg erwarben und dort auch weiterveräußerten. Dazu verfügten sie, ähnlich wie das mit den Handelsprivilegien der Schutzjuden in Mecklenburg war, über Preußische Gewerbescheine. Leider sind diese wohl in Brandenburg nirgends zentral erfasst worden, weshalb die jüdischen Inhaber, anders als in Mecklenburg für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht überliefert sind. Die Steuerliste der Polizeikommission und Steuerkämmerei Güstrow aus dem Jahr 1760, die für den Zeitraum von 1749 bis 1760 alle Schutzjuden in Mecklenburg ortsgenau auflistet, ist heute noch überliefert. Weder Rossow, Netzeband noch Schönberg waren in dieser Liste enthalten, denn die Erhebungsbehörde für diese Ortschaften war das Domanialamt Wredenhagen. Eine entsprechende Liste vom Amt Wredenhagen ist derzeit nicht zu ermitteln und es ist auch unbekannt, ob soetwas jemals existiert hat, da Rossow zu dem Zeitpunkt noch an Preußen verpfändet war.

Nach der Pfandablöse Rossows und Übergang in die Mecklenburgisch-Schwerinsche Fiskalverwaltung im Jahr 1787 gab es durch die Landesregierung aus unbekannten Gründen mehrere Bestrebungen, die jüdische Gemeinde zumindest nicht weiter anwachsen zu lassen. Eine Konvention vom 13. März 1787 bestimmte, dass die Anzahl jüdischer Familie von 15 nicht weiter erhöht werden dürfe. Diese wurde im Mai 1799 nochmals erneuert.

Spätestens ab 1793 ist nach dem Quellenwortlaut eine „Synagoge“ belegt, wobei es sich wohl nur um einen angemieteten Betraum gehandelt haben dürfte. Im gleichen Jahr beantragte die jüdische Gemeinde einen kleinen Begräbnisplatz und richtete diesen westlich des Dorfes in einem Wäldchen ein. Zuvor waren die Toten vermutlich auf jüdischen Friedhöfen in den umliegenden Preußischen Ortschaften begraben worden. Ein Jahr später ist ein Schulmeister Jacob nachweisbar, der ab dem 1. Oktober 1797 durch den Schulmeister Moses Joseph aus Kronstadt in Südpreußen ersetzt wurde. Die Religionslehrer scheinen aber jeweils nicht lange geblieben zu sein. Später folgte ihm ein Marcus Samuel als Schächter und Schulmeister, der 1798 durch Moses Pincus ersetzt wurde. Für das gleiche Jahr ist auch ein privater Schulmeister namens Cool Legnerowitz aus Warschau belegt. Ab 1805 scheint das Amt des Lehrer und Schächters erneut Marcus Samuel übernommen zu haben und um 1797 soll ein Schmuel Mendel Rabbiner in Rossow gewesen sein.

Erst für das Jahr 1810 ist durch die erste Quelle der Name eines Rossower Schutzjuden überliefert. In diesem Jahr versuchte der Friesacker Schutzjude Isaac Salomon bei dem Rossower Schutzjuden Hirsch Isaac Cohn eine ausstehende Forderung beizutreiben. Um 1811 belegt der Mecklenburgische Staatskalender eine Gesamtanzahl ansässiger Juden von 67, allerdings sowohl in Rossow als auch Netzeband. Trotz dieser recht geringen Anzahl wurde nochmals am 14. Dezember 1813 eine landesherrliche Konstitution erlassen, die jegliche Neuansiedlungen von Juden in Rossow untersagte.

Die mit dem Emanzipationsedikt vom 22. Februar 1813 verbundene Forderung gegenüber den Juden, erbliche Familiennamen anzunehmen, erfolgte auch hier. Die Meldung der Namen wurde für Rossow über das Amt Wredenhagen vollzogen, allerdings am 29. Juni 1814 und damit als Nachzügler. Die damals eingereichte Liste enthielt insgesamt zehn Meldungen, von denen acht unterschiedliche Familiennamen darstellten: Berends, Hertz (später Herz), Marcus, Meyer, Sally, Samuel, Simonis und Stein. Darunter befand sich auch der Schulmeister Rossows namens Abraham Meyer Rintel, damals ansässig im Amt Wredenhagen, der zu diesem Zeitpunkt angab, den Familiennamen Meyer annehmen zu wollen.

Für das Jahr 1818 sind als Gemeindevorsteher Hirsch Herz und Moses Saly belegt. Diese beantragten am 13. März 1818 den Neubau einer Synagoge an der Dorfstraße. Ob diese dann wirklich gebaut wurde, ist unwahrscheinlich, denn es ist ein weiterer, ähnlich gelagerter Antrag aus dem Jahr 1830 überliefert, bei dem ebenso unklar ist, ob diesem stattgegeben wurde. Von 1818 bis 1821 war Lehrer und Schächter ein Lazarus Herzfeld in Rossow, der danach nach Mirow ging. Die Gemeinde Rossow stellte ihm am 25. April 1820 ein neutrales Führungszeugnis, in dem sie ausführte, dass man mit ihm zufrieden war.

Im Jahr 1836, als in den meisten Mecklenburger Städten die jüdischen Gemeinde gerade prosperierten, gab es in Rossow insgesamt nur fünf jüdische Handeltreibende: Moses Sally, Witwe Hirsch Herz, Liebmann Sally, Witwe Meyer Simon und Moses Meyer. Denn schon seit einigen Jahren hatte hier die Abwanderung eingesetzt. Hinzu kam, dass 1838 das Dorf Rossow als freies Allodium verkauft und dem ritterschaftlichen Amte Plau am See einverleibt worden war, was die Abwanderung wohl noch verstärkt haben muss. 1839 lebten hier schließlich nur noch drei jüdische Familien und 1842 waren von den 410 Einwohnern nur noch 20 Juden. Immerhin gab es bis 1842 noch einen Schächter, der Ehemann einer Rose Hirsch. Die jüdische Gemeinde wurde 1854 aufgelöst. Hatte das Dorf Rossow in seiner vorangegangenen Geschichte zeitweise eine jüdische Bevölkerung von bis zu 20 Prozent, gab es dann ab 1858 hier keine jüdischen Einwohner mehr.

Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten können mangels Hinweisen keine Aussagen über eine jüdische Bevölkerung gemacht werden. Erst mit dem sogenannten Wunder von Rossow gibt es wieder einen jüdischen Bezug in Rossow. Spätestens seit den 1930er Jahren hatte die Berliner Familie Abraham in Rossow einen Zweitwohnsitz gehabt. Nach der „Reichskristallnacht“, am 11. November 1938, erschienen nach einer Geburtstagsfeier des NSdAP-Kreisleiters aus Wittstock um die zwanzig angetrunkene SA-Männer in Zivil beim Haus der Abrahams und setzten nach Verwüstung der Hauseinrichtung eine Gartenlaube in Brand. Arthur Abraham und seine nicht-jüdische Ehefrau Martha waren zu diesem Zeitpunkt nicht anwesend, weswegen ihnen an diesem Tag nichts passierte. Der ursprünglich aus Gelsenkirchen stammende, adlige Pastor des Dorfes, Aurel von Jüchen, war kein Freund der Nationalsozialisten und versuchte, die SA-Männer an ihren Taten zu hindern. Er überzeugte Rossower Anwohner davon, dass durch den Brand das Dorf in Gefahr wäre, und brachte sie so dazu, gemeinsam den Brand zu löschen. Danach wurde auch der Pastor von den Nationalsozialisten bedrängt, geriet in Lebensgefahr und flüchtet sich deshalb ins Pfarrhaus. Um den Pastor zu schützen, versammelten sich zunächst die Rossower Frauen vor dem Pfarrhaus, später auch deren Männer. Die herbei geholte Polizei wies die SA schließlich an, nach Hause zu gehen. Den Abrahams gelang im Sommer 1939 noch die Flucht nach Australien. Pfarrer von Jüchen wurde wegen seines Einschreitens von seiner Kirchenleitung ein Disziplinarverfahren angehängt. Eine Petition der Rossower rettete den Pfarrer jedoch vor dem Konzentrationslager und auch er überlebte die Zeit des Nationalsozialismus.

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(Gramenz, Jürgen / Ulmer, Sylvia - 13.08.2016)
Quellen:

  • http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/173254/index.html
  • http://www.chewrakadischa-blb.de/Judische-Fridhofe/Landkreis-Ostprignitz---Ruppin/landkreis-ostprignitz---ruppin.html
  • Arlt, Klaus / Beyer, Constantin / Ehlers, Ingrid / Etzold, Alfred / Fahning, Kerstin Antje: Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Wichern-Verlag, Berlin 1992
  • Diekmann, Irene: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998
  • Francke, Norbert / Krieger, Bärbel: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg: Mehr als 2000 jüdische Familien aus 53 Orten der Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz im 18. und 19. Jahrhundert. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2001
  • Francke, Norbert / Krieger, Bärbel: Schutzjuden in Mecklenburg: ihre rechtliche Stellung, ihr Gewerbe, wer sie waren und wo sie lebten. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2002
  • Gramenz, Jürgen: Ladewig: Dokumentation eines jüdischen Familienverbandes aus Mecklenburg, Cardamina-Verlag, Plaidt 2013
  • Hempel, Gustav: Geographisch-statistisch-historisches Handbuch des Meklenburger Landes, Zweiter Theil, Topographisch-historische Beschreibung, Verlag der Hinstorffschen Hofbuchhandlung, Parchim & Ludwigslust 1843, S. 316
  • Landeshauptarchiv Schwerin: Rep. 2.22-10/34, Vol. 155 Fasc 4 (Domanialamt Wredenhagen); Rep. 2.22-10/34, Nr. 157,2; Rep. 2.22-10/34, Nr. 155,16; Rep. 4.11-17/3, Nr. 919 (Dominialamt Mirow); Rep. 10.72-2, Landesrabbinat (1840–1938), Nr. 3 (Familiensachen Ladewig).

Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Rossow


Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Rossow

Familien mit Bezug zu Rossow


Abraham, Berends, Cohn, Herz/Hertz, Herzfeld, Hirsch, Ladewig, Legnerowitz, Marcus, Meyer, Saly/Sally, Samuel, Simon, Simonis, Stein, Wolf

Veröffentlichungen zu den Juden von Rossow


Publikationen


  • Cordshagen, Christa: Juden auf dem Lande in Mecklenburg - zum Beispiel in Rossow
    In: Diekmann, Irene: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 318-322
  • Voß, Gerhard: Jüdische Friedhöfe in Mecklenburg – eine Bestandsaufnahme
    In: Studienhefte zur Mecklenburgischen Kirchengeschichte, Heft 1 (1993), S. 5-15
  • Schmidt, Monika: Schändungen jüdischer Friedhöfe in der DDR: Eine Dokumentation, Reihe Positionen, Perspektiven, Diagnosen, Band 1
  • Weißleder, Wolfgang: Der Gute Ort: Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg