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Neubukow

Zur jüdischen Geschichte von Neubukow


Die Stadt Neubukow dürfte in der Zeit nach der jüdischen Erstbesiedlung Mecklenburgs noch keine jüdischen Einwohner beherbergt haben. DIe jüdische Geschichte Neubukows dürfte damit erst nach der jüdischen Wiederbesiedlung gegen Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen haben, als sich hier im Jahr 1759 die ersten beiden Schutzjuden niederließen. Gemäß der landesweiten Steuerliste vom 1. Oktober 1760, die die steuerpflichtigen Schutzjuden für den gesamten Zeitraum von 1749 bis 1760 erfasst, erhielten am 10. März 1759 Levin Marcus und Salomon Isaack ihr Privileg für Neubukow. Beide hatten die üblichen zwölf Reichstaler pro Jahr dafür zu entrichten.

Man kann davon ausgehen, dass sich hier danach noch weitere Schutzjuden niederlassen durften, auch wenn derzeit keine konkreten Hinweise für die nachfolgende Zeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts vorliegen. Zumindest indirekt lässt sich das aber aus der Tatsache schließen, dass die Neubukower Juden schon so früh einen Antrag auf einen eigenen Begräbnisplatz stellten und dieser auch am 14. Oktober 1776 genehmigt wurde. Eine solches Zugeständnis wurde durch die Landesregierung grundsätzlich nur dann gemacht, insoweit auch eine hinreichende Anzahl an Juden in der jeweiligen Stadt wohnten. Aus dem 18. Jahrhundert ist noch ein weiterer Hinweis auf einen Juden in Neubukow überliefert. Danach soll der zu diesem Zeitpunkt für die Mecklenburger Judenschaft bedeutsame Bützower Rabbiner Chajim Friedberg aufgrund seines Einflusses im Jahr 1763 durch Kaution einen Juden namens Falk Hirsch aus Franken aus der Haft in Neubukow frei bekommen und in Bützow zur Bewährung aufgenommen haben.

Laut eines Berichts der örtlichen Steuerstube zu Knechten ansässiger Schutzjuden vom 28. Juni 1811 muss die Zahl der Schutzjuden in Neubukow auf mindestens sieben angewachsen sein. Namentlich erwähnt wurden dabei Salomon Simon, Baruch Hirsch, Michael Natan, Hirsch Natan, Valentin Hirsch, Hirsch Jacob und ein Jude namens Abraham. Letztere drei waren zum Zeitpunkt der Zählung allerdings verreist. Als im Jahr 1813 das sogenannten Emanzipationsedikt erlassen wurde und die Mecklenburger Juden der übrigen Bevölkerung rechtlich und bürgerlich nahezu gleich stellte, war damit auch gleichzeitig die Forderung der Landesregierung nach der Annahme erblicher Familiennamen bei den Juden verbunden, der auch die Neubukower Judenschaft gern nachkam. Im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden gelang es dem früheren Landesrabbiner Dr. Siegfried Silberstein allerdings nicht, die Meldeliste für Neubukow, die am 15. April 1813 nach Schwerin übermittelt und dort später beim Brand des Collegiengebäudes mit vielen anderen Unterlagen und Meldungen vernichtet wurde, zu rekonstruieren. Aus den späteren Quellen ergibt sich mehr oder weniger, dass sich unter den Neubukower Meldungen höchst wahrscheinlich die Familiennamen Burchard, Michelsen, Rothenburg, Jacobson und Marcus befunden haben müssen.

Die Neubukower Gemeinde wuchs zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weiter. Wie das Generalverzeichnis der in den Städten des Großherzogtums Mecklenburg Schwerin privilegierten Schutzjuden aus dem Jahr 1825 belegt, gab es nun schon elf Inhaber eines Privilegs: Hirsch Baruch Burchard, Valentin Heinssen, Salomon Siemon Goldschmidt, die Witwe des Michel Nathan Michelsen, Hirsch Nathan Michelsen, Meyer Burchard senior, Salomon Isaac Rothenburg, Meyer Hirsch Burchard junior, Meyer Jacobson, Aron Jacobson und Jacob Marcus. Für die Kröpeliner und Doberaner Judenschaft spielte die jüdische Gemeinde von Neubukow in dieser frühen Phase noch eine größere Rolle, da nicht wenige späteren jüdischen Einwohner dieser Orte ursprünglich der Neubukower Gemeinde entstammten.

Die nachfolgende Geschichte der jüdischen Gemeinde im 19. Jahrhundert bedarf noch weiterer Nachforschungen, insbesondere sind die Gemeindevorsteher und Religionslehrer noch kaum bekannt. Zumindest im Jahr 1835 war in Neubukow ein Mann namens Lazarus aus Crivitz Religionslehrer. Wie viele andere Mecklenburger Gemeinden erhielt auch die Neubukower im Jahr 1845 eine landesherrlich verordnete Gemeindeordnung. Um 1850 konnte die Gemeinde dann auch eine eigene Synagoge erbauen.

Eine der wichtigsten Familien, die die jüdische Gemeinde von Neubukow mitgeprägt haben, waren die Burchards. Ein Nachkomme dieser Familie war der spätere Schauspieler, Schriftsteller und Intendant Gustav Burchard. Der gleichen Familie entstammte auch Martin Burchard, der nach Brasilien ausgewandert und zu Vermögen gekommen war und später der Stadt 40000 Goldmark für die Errichtung eines Altersheimes für Arme ungeachtet ihrer Religion vermachte. Das sogenannte „Burchard-Asyl“ wurde am 11. Oktober 1909 im Bereich des heutigen am Kröpeliner Tor 5 eingeweiht. Der spätere Berliner Ingenieur, Erfinder und Unternehmer Rudolf Goldschmidt war ebenfalls gebürtiger Neubukower.

Mit der erzwungenen Öffnung der Seestädte Wismar und Rostock, die sich viele Jahrhunderte vehement und erfolgreich gegen einen Zuzug von Juden in ihre Städte gewehrt hatten, kam es nach Erlass des Freizügigkeitsgesetzes im Jahre 1870 zum Anschluss der neu entstandenen Wismarer Judenschaft an die Neubukower Gemeinde. Der Vorteil bestand vor allem darin, dass so die gemeindliche Infratruktur in Form des Neubukower Friedhofs und der Synagoge genutzt werden konnten und man sich bei den ohnehin ständig klammen Gemeindekassen so die Ausgaben für eine eigene Anschaffung in Wismar ersparen konnte. Warum die Wismarer Juden in späteren Jahren nicht mehr Teil der Neubukower Gemeinde blieben wollten, ist unklar, insbesondere weil die Neubukower Gemeinde im Gegensatz zu anderen noch eine akzeptable Mitliederzahl aufwies. Jedenfalls verhandelte die Wismarer Judenschaft 1900 bezüglich eines Anschlusses an Sternberg, deren Friedhof aber dafür zu klein war. Pläne im Jahr 1901, eine eigene Gemeinde zu gründen, wurden abgelehnt, alternativ wurde der Anschluss an Bützow vorgeschlagen.

Neubukow zählte zu den größeren jüdischen Gemeinden in Mecklenburg. Schon 1810 verfügte die Stadt über 50 jüdische Einwohner, bis 1853 verdoppelte sich die Mitgliederzahl auf über 100 und selbst nach dem folgenden Abfall hatte die Neubukower Judenschaft um 1900 noch etwa 40 Gemeindemitglieder. Bis 1933 fiel die Zahl dann jedoch auf etwa zehn. Auch in Neubukow begann dann nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Zeit der Repressalien gegen die wenigen jüdischen Einwohner. Bereits 1934 wurde der jüdische Friedhof geschändet. Einem Bericht an die Reichsvereinigung der Juden aus dem Jahr 1935 zufolge wurde in jeder Parteiversammlung der NSDAP immer wieder zum sogenannten „Judenboykott“ aufgerufen. Den NSDAP-Mitgliedern wurde bei Zuwiderhandlungen mit dem Ausschluss gedroht. Bis 1939 verzogen fast alle jüdische Einwohner, so dass in diesem Jahr nur noch der 90jähriger Meier Burchard in Neubukow ansässig war. Er verstarb 1941 hier und wurde als Letzter auf dem jüdischen Friedhof von Neubukow bestattet. Am 16. Februar 1942 erklärte sich Neubukow für „judenfrei“. Neubukow hat mindestens 14 Holocaust-Opfer zu verzeichnen, darunter allein neun Mitglieder der Familie Burchard. Bis heute gibt es keine Stolpersteine in der Stadt.

Die Geschichte der Juden in Neubukow ist durch den Heimatforscher Walter Haak zumindest teilweise erforscht worden. Darüber hinaus existiert ein kurzer Erinnerungsbericht zu den letzten jüdischen Einwohnern in Neubukow von Ursel Brüsehaber.

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(Gramenz, Jürgen / Ulmer, Sylvia - 13.05.2017)
Quellen:

  • Arlt, Klaus / Beyer, Constantin / Ehlers, Ingrid / Etzold, Alfred / Fahning, Kerstin Antje: Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Wichern-Verlag, Berlin 1992
  • Borchert, Jürgen / Klose, Detlef: Was blieb... Jüdische Spuren in Mecklenburg, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin 1994
  • Borchert, Jürgen: Des Zettelkastens andrer Teil: Fundstücke und Lesefrüchte, Hinstorff Verlag, Rostock 1988
  • Brocke, Michael / Ruthenberg, Eckehart / Schulenburg, Kai Uwe: Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), Institut Kirche und Judentum, Berlin 1994
  • Brüsehaber, Ursula: Die Juden in Neubukow, Manuskript in der Heinrich-Schliemann-Gedenkstätte, Neubukow 2005
  • Francke, Norbert / Krieger, Bärbel: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg: Mehr als 2000 jüdische Familien aus 53 Orten der Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz im 18. und 19. Jahrhundert. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2001
  • Gruner, Wolf et al.: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1937, Band 1: Deutsches Reich 1933-1937, R. Oldenbourg Verlag, München 2008, Dokument Nr. 157 (Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens berichtet am 22. März 1935 über antijüdische Vorfälle in mecklenburgischen Gemeinden), S. 419
  • Kasten, Bernd: Verfolgung und Deportation der Juden in Mecklenburg 1938-1945, Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Thomas Helms Verlag, Schwerin 2008
  • Landeshauptarchiv Schwerin: Rep. 2.12-4/5, Nr. 241, 632, 665 (Judenangelegenheiten)

Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Neubukow


Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Neubukow

Familien mit Bezug zu Neubukow


Baruch, Bayer, Bernhard, Bernhardt, Bonheim, Borchardt, Burchard, Cohn, Crull, Elkan, Feldmann, Gimpel, Goldschmidt, Heinssen, Hertz, Herzfeld, Heudenfeld, Heymann, Heynssen, Hirsch, Hirschberg, Hirschfeld/Hirschfeldt, Hollender, Isaac, Isaacson, Isenberg, Jacobsohn, Jacobson, Joel, Kychenthal, Lazarus, Levetzow, Levy, Löser, Marcus, Michaelsen, Michelsen, Müller, Nickelsburg, Raphael, Rosenthal, Rothenburg, Stavenhagen, Stern, Wolff

Persönlichkeiten


  • Schauspieler, Schriftsteller und Intendant Gustav Burchard
  • Berliner Ingenieur, Erfinder und Unternehmer Rudolf Goldschmidt

Bekannte Holocaust-Opfer (14)


  • Emma Burchard geb. Burchard
  • Carl Burchard
  • Simon Burchard
  • Liesbeth Burchard
  • Siegmund Burchard
  • Ernst Burchard
  • Emma Cohn geb. Goldschmidt
  • Louise Dessau geb. Burchard
  • Gertrud Herzfeld
  • Margarete Heudenfeld geb. Wolff
  • Ida Hirschfeld geb. Gimpel
  • Henny Hirschfeld geb. Burchard
  • Thea Plonski geb. Bayer
  • Louise Wolff geb. Burchard

Veröffentlichungen zu den Juden von Neubukow


Publikationen


  • Adreßbücher über und für den Gewerbe- und Handelsstand der Großherzogthümer Mecklenburg-Schwerin und Strelitz
  • Mercantilisches Addreßbuch der Großherzogthümer Meckl.-Schwerin u. -Strelitz, worin: die Addressen der Magistratspersonen der Städte, der weltlich obrigkeitlichen Beamten der Flecken, der Accise- und Postbeamten, fremden Consuls, Advocaten, Apotheker, Kaufleute, Fabrikanten, Manufacteurs, Buchhändler, Gasthofinhaber und anderer dazu qualificirende Handels- oder industrielle Geschäfte treibende Leute in den Großherzopthümern, wie auch: bei jedem entsprechenden Orte Angabe seiner Wolkszahl, Meilenzeiger, Notizen über Schiffs-, Fuhrgelegenheiten etc.
  • Arlt, Klaus / Beyer, Constantin / Ehlers, Ingrid / Etzold, Alfred / Fahning, Kerstin Antje: Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen
  • Borchert, Jürgen / Klose, Detlef: Was blieb... Jüdische Spuren in Mecklenburg
  • Buddrus, Michael / Fritzlar, Sigrid: Die Städte Mecklenburgs im Dritten Reich: ein Handbuch zur Stadtentwicklung im Nationalsozialismus, ergänzt durch ein biographisches Lexikon der Bürgermeister, Stadträte und Ratsherren
  • Haak, Walter: Neubukow: Zur Geschichte einer kleinen mecklenburgischen Stadt. II. Teil von 1820-1918 mit einem Beitrag zur Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung.
  • Kasten, Bernd: Verfolgung und Deportation der Juden in Mecklenburg 1938-1945
  • Brüsehaber, Ursula: Die Juden in Neubukow
  • Struck, Hanna: Juden in Mecklenburg-Vorpommern: Geschichte und Gegenwart
    In: Romberg, Otto R. / Urban-Fahr, Susanne (Hrsg.): Juden in Deutschland nach 1945: Bürger oder „Mit“-Bürger?, Tribüne-Verlag, Frankfurt am Main 1999, S. 108-117
  • Voß, Gerhard: Jüdische Friedhöfe in Mecklenburg – eine Bestandsaufnahme
    In: Studienhefte zur Mecklenburgischen Kirchengeschichte, Heft 1 (1993), S. 5-15

Dokumente mit Bezug zu den Juden von Neubukow


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Beschreibung Zeitpunkt/Zeitraum Typ
Auszug aller privilegirten Juden und was selbige Laut der, mittelst Herzoglich Verordnung vom 20. Septbr. 1760 Communicirten Specification An Schutz-Geld Zur Herzoglich. Renterey von Anno 1749 bis zum Termino Trinitatis 1760 bezahlet haben, und darauf nach infinuation gedachter Specification, nemlich den 1ten Octobr. 1760 Restiren. 1749-1760 Transkript
Berichte der örtlichen Steuerstuben zu Knechten der ansässigen Schutzjuden auf Anforderung der Steuer-Policey- und städtischen Cämmerey-Commißion zu Güstrow vom 18. Juni 1811 1811 Zusammenfassung
General-Verzeichniß der in den Städten des Großherzogthums Mecklenburg Schwerin privilegirten sämmtlichen Schutz-Juden 3. Januar 1825 Transkript